Hirtenwort von Erzbischof Dr. Stefan Heße

anlässlich des Ansgarfestes 2020

Liebe Schwestern und Brüder!

„Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt!“ (Hebr 13,2) Was wie ein Spruch aus einem Abreißkalender klingt, ist eine der wichtigsten Tugenden in der Heiligen Schrift: die Gastfreundschaft.

Im Alten Testament ist die Begegnung des Abraham und seiner Frau Sara mit drei ­Fremden das Paradebeispiel für Gastfreundschaft. Drei fremde Männer kommen zu ­ihnen. Abraham begrüßt sie und begegnet ihnen mit Offenheit und Großzügigkeit, ohne zu wissen, wen er vor sich hat. Er bietet den Männern Wasser an, lässt frisches Brot backen und sogar ein junges Kalb zubereiten. Seine Gastfreundschaft ist ohne Absicht, vielmehr ganz überschwänglich. Und am Ende hinterlassen die Gäste ihm sogar mehr, als er ihnen geben konnte. Unversehens verkehren sich die Rollen: Die Gäste werden zu Gastgebern. Sie geben Abraham und Sara eine Zukunftsperspektive. Sie verkünden dem bis dahin ­kinderlosen Paar die gute Nachricht, dass Sara im nächsten Jahr ein Kind bekommen ­werde. So wird aus der Begegnung mit dem Fremden eine unerwartet große Bereicherung des eigenen Lebens.

Im Lateinischen gibt es übrigens für Gast und Gastgeber nur ein Wort: hospes. Es ist ein Kennzeichen dafür, dass sowohl der Gastgeber als auch der Gast einander bereichern und beschenken. Von Gastfreundschaft profitieren alle.

 

Liebe Mitchristen!

Die Szene des Gastmahls bei Abraham ist auf dem Altarbild in unserer katholischen ­Kirche St. Michael auf Helgoland zu sehen. Es passt genau dorthin, wo Tag für Tag viele Menschen zu Gast sind. Die Insulaner sind ihre Gastgeber. Es passt auch gut in unsere ­Kirche: Hier sind wir alle Gäste bei Jesus Christus und als Gemeinde können wir uns in der Gastfreundschaft für viele Besucher beweisen. Damit meine ich nicht nur die Kirche auf Helgoland, sondern unsere gesamte Erzdiözese. Gastfreundschaft gehört zum guten Stil unserer Kirche auf allen Ebenen und an allen Orten. Sie sollte nicht nur in Urlaubsorten selbstverständlich sein, sondern überall und für jeden. Gastfreundschaft prägt unseren Lebensstil als Christen durch und durch.

Wenn man das Wort Gast hört, dann mag der eine an einen Hotelgast denken und der andere an einen netten Abendbesuch. Gastfreundschaft geht tiefer: Das griechische Wort für Gastfreundschaft ist philoxenie. Es leitet sich ab von phileo (ein Freund sein) und xenos (der Fremde); Gastfreundschaft meint also die Liebe zum Fremden, ist eine Freundschaft mit dem Fremden. Mit anderen Worten: Gastfreundschaft bedeutet, mit Freundlichkeit und Liebe dem Fremden, dem Neuen, dem Gegenüber zu begegnen, sie oder ihn herzlich willkommen zu heißen und aufzunehmen.

In Zeiten, in denen es noch kein ausgebautes Hotelwesen gab, etwa in der biblischen Zeit eines Abraham, war Gastfreundschaft überlebenswichtig. Hospize waren Orte der Sicherheit. Über Jahrhunderte waren die Klöster Stätten der Gastfreundschaft. In den letzten Jahren hat diese lebensrettende Bedeutung der Gastfreundschaft eine ganz neue Aktualität gewonnen in der Aufnahme vieler Geflüchteter in unserem Land. Ich danke ausdrücklich allen, die sich in unseren Kirchengemeinden, aber auch in unseren Kommunen für sie einsetzen und im tiefsten Sinn des Wortes gute Gastgeber sind. Ich wünschte, ich müsste jetzt nicht die Fremdenfeindlichkeit erwähnen, die es leider auch gibt.

Gastfreundschaft ist die innere Haltung unserer Kirche, keine Randerscheinung. Die Offen­barung Gottes in Jesus Christus ist ja nicht nur eine Mitteilung, sondern vielmehr eine personale Begegnung. Deswegen kann der Inhalt unseres christlichen Glaubens nie von seiner Form gelöst werden.

So kann und soll sich an unserer gelebten Gastfreundschaft unser Glauben selber zeigen. Es kommt nicht von ungefähr, dass Jesus immer wieder bei den Menschen zu Gast war, sein erstes Zeichen wirkt er als Gast auf der Hochzeit zu Kana. Immer wieder lädt er die Menschen zu sich, in sein Leben ein: „Kommt und seht!“

Für mich ergeben sich einige sehr konkrete Punkte, wie wir, wie Sie Gastfreundschaft weiterdenken und weiterleben können:

1.  Wir alle sind Gäste auf dieser Erde. Eines unserer bekanntesten Begräbnislieder beginnt mit: „Wir sind nur Gast auf Erden“. Es stammt aus einer der dunkelsten Zeiten unserer deutschen Geschichte. Im Nationalsozialismus wollte der Autor auf unsere endgültige Heimat bei Gott verweisen. Wir gehen dem himmlischen Gastmahl mit Gott und unseren Lieben entgegen. Damit wird alles andere relativiert, aber keineswegs unbedeutend. Das hat Konsequenzen für unser Hier und Jetzt, für unseren ­Umgang mit dieser Welt, den Dingen und unserem ganzen Leben. Es macht leicht und gelöst, ja es befreit. Es hat auch Auswirkungen auf unseren Umgang mit der Schöpfung, die wir lediglich anvertraut bekommen haben und unseren Nachfahren verantwortlich weitergeben sollen. Wir alle haben auf dieser Erde einen Gaststatus. Bitte verhalten wir uns wie gute Gäste.

2.  Christus lädt uns immer wieder zu sich ein. Wir dürfen seine Gäste sein. Greifen wir diese göttliche Einladung beherzt auf! Er will uns an seiner Seite wissen, wir können auf ihn hören und im Gottesdienst mit ihm Mahl halten. Wir dürfen einfach in aller Stille bei ihm sein.

     Umgekehrt gilt aber auch: Der Herr will in unserem Leben zu Gast sein. Er lädt sich zum Beispiel in das Leben des Zöllners Zachäus ein oder bei Martha von Bethanien: „Heute muss ich bei dir zu Gast sein!“ Ganz in diesem Sinn heißt es in einem bekannten Tischgebet: „Komm Herr Jesus, sei unser Gast!“

3.  Unsere Kirchengemeinden erhalten viele Einladungen. Sie dürfen an zahlreichen ­Veranstaltungen teilnehmen, bei Projekten und Aktionen in unseren Städten und Kommunen mitwirken. Viele freuen sich, wenn wir ihre Gäste sind. Sie erwarten uns, und sie erwarten etwas von uns. Freuen wir uns, dass wir dazugebeten werden. Das ist beileibe keine Nebensächlichkeit. Es wäre schön, wenn unsere Gemeinden auf diese ­Bitten mit ­Zusagen und Einsatz antworten könnten.

4.  Seien wir schließlich selber gute Gastgeber in unseren Pfarreien und an allen Orten kirchlichen Lebens. Gehen wir auf unsere Gäste, Besucher, auf die Unbekannten und Fremden zu. Seien wir einladend mit unserem ganzen Wesen! Begrüßen wir sie herzlich und seien wir selber zugänglich (vgl. Pastoraler Orientierungsrahmen II., 5). Es muss uns immer zu denken geben, wenn wir in unseren Gemeinden kaum oder gar keine Gäste mehr sehen, wenn sie sich nicht willkommen fühlen. Dies zu ändern, ist zuerst eine Frage der Einstellung und des Herzens, und zwar unserer Einstellung. Oft werden wir durch unsere Gäste reich beschenkt. Wir sind nicht mehr nur ihre Gast­geber, sondern dürfen in ihrem Leben zu Gast sein.

 

Liebe Schwestern und Brüder, Gastfreundschaft ist stets absichtslos. Sie will dem ­anderen einen Raum bieten, in den er eintreten und zum Freund werden kann. Hierbei geschieht, was der kürzlich verstorbene Münsteraner Theologe Johann Baptist Metz sagt: Dabei „müssen wir uns vergessen können, zurücktreten, damit der andere in seiner Einmaligkeit bei uns wirklich ankomme. Wir müssen ihn reinlassen können, ihn freigeben in seiner Eigenart, die uns oft aufschreckt und zur schmerzlichen Verwandlung ruft. Denn das Geheimnis des Lebens erschließt sich nicht der Selbstgefälligkeit, sondern der schöpferischen Gegenseitigkeit.“ Seien wir als Kirche im Erzbistum Hamburg wirklich eine Kirche in Beziehung zu Gott und den Menschen. Leben wir die Aufforderung des Hebräerbriefes konkret und alltäglich: „Vergesst die Gastfreundschaft nicht; denn durch sie haben einige, ohne es zu ahnen, Engel beherbergt!“

Gott segne Sie und alle, mit denen wir uns gastlich verbinden!


Dr. Stefan Heße
Erzbischof von Hamburg